Post hoc ergo propter hoc

Es ist kalt, es ist feucht, es ist trübe und grau. In Dresden geben sich heute Regen und Schnee die Klinke in die Hand. Zum Glück wird es inzwischen so früh dunkel, dass einen wenigstens das Grau nicht den ganzen Tag begleitet. Solche Tage sind perfekt geeignet, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten und den ungeheuren Reichtum der geistigen Welt zu bestaunen.

Bevor ich zu meinem eigentlichen Thema komme, stelle ich – die Älteren werden sich erinnern – ein kurzes Klavierwerk voran. Erst kürzlich wurde ich völlig unverhofft mit diesem mir durchaus nicht unbekannten Stück konfrontiert. Anders gesagt: Es hat mich völlig unvorbereitet getroffen. Ich durfte überrascht feststellen, dass ich bereits nach etwa einer Sekunde ob der Reinheit, der geradezu zwingenden Schönheit völlig ergriffen war. Der Schöpfer des Werkes, ein hoffnungsvolles Wiener Nachwuchstalent mit dem Namen Wolfgang Mozart, hat eine Gehaltserhöhung verdient. Nun gut: Es handelt sich mal wieder um den ersten Satz der Sonate Nr. 16, KV 545, heute in der Interpretation von Sviatoslav Richter. Watch it!

So. Und jetzt kommen wir zu meiner Geschichte. Willi wird ins Gefängnis gesperrt. Dreimal täglich bekommt er von einem Wärter sein Essen, montags und mittwochs von Rita, dienstags, donnerstags und freitags von Franz, und am Wochenende von Dieter. Rita hat Beziehungsprobleme, Franz meistens Hunger, und Dieter ist eine ausgesprochene Frohnatur.

Von all dem weiß Willi leider nichts. Er kann sich zwar bei der Essenslieferung kurz mit dem Wärter unterhalten, aber mehr als ein paar Floskeln wird nicht geduldet. Außerdem sieht er den Wärter nicht und hört dessen Stimme nur über einen Lautsprecher. Da die Stimme verfremdet ist, kann er seinen Wärter nicht identifizieren.

Nach ein paar Tagen fällt ihm auf, dass er manchmal ein Dessert zum Essen bekommt und manchmal nicht. Er fragt nach, woran das liegt, doch er erhält erwartungsgemäß keine Antwort. Da er viel Zeit hat, beschließt er, genau Buch zu führen: Mahlzeit X, Dessert ja/nein, weitere Vorkommnisse.

Im Schnitt bekommt er an 3 von 10 Mahlzeiten das Dessert. Er hat außerdem das Gefühl, dass ein Dessert umso wahrscheinlicher ist, je höflicher er die Floskeln wählt. Aber er stellt ebenso fest, dass immer wieder auch trotz guter Führung das Dessert ausbleibt. Was der Lateiner post hoc ergo propter hoc (es ist danach passiert, also ist es deswegen passiert) nennt, hat ihm also nicht weitergeholfen. Aber er führt nun gründlicher Buch über seine Interaktion mit dem Wärter. Vielleicht gibt es ja einen komplexeren Zusammenhang.

So bemerkt er, dass seine Höflichkeit ihm am Wochenende deutlich öfter zum Dessert verhilft. Ansonsten fällt ihm nichts auf. Da er nichts zu verlieren hat, wird er kreativ. Er versucht, sich seine Wärter vorzustellen. Wie viele es wohl sein mögen? Wenn es einer ist, muss er am Wochenende besonders gute Laune haben. Vielleicht lebt er in einer Fernbeziehung und trifft dann immer seinen Partner. Vielleicht sind es aber auch zwei. Oder sogar mehr? Hat er eine Möglichkeit, dies herauszufinden?

Er beschließt, nur noch am Wochenende höflich zu sein. Wenn sich die Dessertwahrscheinlichkeit am Wochenende dadurch nicht verringert, unter der Woche aber schon, kann er wohl annehmen, dass es mindestens zwei Wärter sind. Und tatsächlich stellt er fest, dass die Dessertwahrscheinlichkeit unter der Woche abnimmt, aber an einigen Tagen stärker als an anderen. Vielleicht hat er es wirklich mit drei Wärtern zu tun.

Preisfrage: Was macht Willi hier?

Richtig: Willi betreibt Wissenschaft. Er macht nichts anderes als ein Wissenschaftler: Anhand seiner Erfahrungen konstruiert er willkürlich, aber absichtsvoll potentielle Weltbilder, und er erarbeitet Möglichkeiten, wie er diese Weltbilder auf die Probe stellen kann, also Tests. Er verwirft jene Weltbilder, die seinen Tests nicht standhalten.

Konkret: Sein erstes Weltbild geht von dem Grundsatz (Axiom) aus, dass es nur einen Wärter gibt. Er leitet daraus ab, dass die Dessertwahrscheinlichkeit vom Vortag abhängig sein sollte. Daraus leitet er seinen Test ab, bei dem er unter der Woche unfreundlich ist. Sein zweites Weltbild geht davon aus, dass es mehr als einen Wärter gibt.

Nachdem er das erste Weltbild verworfen hat, ist ihm klar, dass das zweite mit seinem Axiom, dass es mehr als einen Wärter gibt, noch nicht so viele interessante Aussagen über Desserts ableiten lässt. Also konstruiert er einfach zwei neue, eines mit dem Axiom, dass es zwei Wärter gibt, und eines mit dem Axiom, dass es mehr als zwei Wärter gibt.

Diese Methode hat ihn weiter gebracht als post hoc ergo propter hoc, und sie hat ihn auch weiter gebracht als das reine Betrachten von Datenreihen, was ihm sehr ziellos und unfruchtbar vorkam. Der Schlüssel lag bei Willis Kreativität – dass er sich willkürlich Erklärungen für seine Beobachtungen zurechtlegen konnte, ermöglichte es ihm, Experimente zu erfinden, die ihm sonst nicht in den Sinn gekommen wären. Wie sonst hätte er auf die Idee kommen sollen, mal nur am Wochenende freundlich zu sein?

Natürlich ist Willi genau so klar wie uns, dass er so niemals die Wahrheit herausfinden können wird. Vielleicht gibt es ja doch nur einen Wärter, aber der kriegt am Wochenende immer seine Tabletten? Aber Willi hat genau so wenig wie wir eine bessere Idee, was er machen soll. Ich hoffe, dass ich euch mit meinem kleinen Kammerspiel die Erkenntnistheorie Karl Poppers ein wenig näher bringen konnte. Ich danke Willi, Rita, Franz und Dieter für ihre Mitwirkung.

Wie Willi nehmen die meisten Wissenschaftler – mich eingeschlossen – diese Grenzen der Erkenntnis quasi fatalistisch hin. Sind wir deswegen Relativisten? Ich sage: Nein, denn wir gewinnen dennoch Erkenntnisse über die Welt, die auf sehr festem Boden stehen. Wer das Standardmodell der Elementarteilchenphysik oder Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie über den Haufen werfen will, muss erstens eine neue Theorie aufstellen und zweitens genügend Experimente durchführen, die alle seine Theorie bestätigen müssen. Daran scheitern regelmäßig alle möglichen Leute, die die Schuld dann dem wissenschaftlichen Establishment geben, welches angeblich keine neuen Ideen dulde.

Zum Abschluss und als Belohnung für die enorme Geduld gibt es diesmal zwei Perlen der gepflegten Blasmusik, bei denen ich augenblicklich gute Laune kriege: Semper fidelis (John Philip Sousa, 1889) und Mit Paul Lincke durch Berlin (besonders interessant der Teil ab 0:45).

Matthias Büchse am 29. November 2012

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