Liebe Deutsche Bahn,

wie oft hat man schon gedacht: Das Bahnfahren könnte so famos sein. Sobald man einen Zug betritt, überlässt man der Deutschen Bahn zeitlich befristet die volle Kontrolle, man begibt sich für einige Stunden in ihre sanfte Obhut und kann so lange seine ganzen Probleme vergessen. Man sitzt entspannt an seinem Platz, gibt sich voll und ganz dem Erlebnis hin, schaltet mal ab, holt vielleicht ein bisschen Schlaf nach oder macht sich sogar ein paar schöne Gedanken über das Leben an sich.

Doch in der Realität sieht es immer wieder so aus, dass der Zauber des Bahnfahrens erheblich gestört wird. Da gibt es die viel zu laute Ansage (sinngemäß)

Herzlich Willkommen im ICE 1650 der Deutschen Bahn auf dem Weg nach [peinliche Pause] Wiesbaden. Dieser Zug besteht aus zwei Zugteilen; der vordere hat die Wagen 21 bis 28, der hintere die Wagen 31 bis 38. Der Übergang zwischen den Zugteilen ist während der Fahrt nicht möglich. Wir möchten Sie auch auf unseren gastronomischen Service hinweisen. Das Bordbistro befindet sich im Wagen so-und-so. Ladies and gentlemen, welcome on board […]

Die ist überflüssig wie ein Kropf! Ich weiß, in welchem Zug ich mich befinde, und ich werde bei der Fahrkartenkontrolle sowieso noch persönlich begrüßt. Und ich würde auch nie versuchen, während der Fahrt über eine Kupplung zu klettern – auch nicht über eine Scharfenbergkupplung!

Als nächstes hätten wir den ungehobelten Pöbel. Offenbar versteht es nicht jeder, sich dem Erlebnis Bahnfahren ordnungsgemäß hinzugeben. Manch einer muss unbedingt alle drei Minuten auf die Toilette, zum Papierkorb oder zum Bordbistro rennen. Manch anderer muss alle drei Minuten telefonieren:

Hi, ich bin's! Ich bin jetzt im Zug, war ganz schön knapp, danke für deine Gastfreundschaft, war echt super. Tschüssi!
Hi, ich bin's! Ich bin jetzt im Zug, wir haben fünf Minuten Verspätung, ich werde dann gegen 23 Uhr in Essen ankommen, ich freue mich auf euch. Tschüssi!

Solche Leute sagen auch b-day statt Geburtstag und Ellis statt Eltern, und sie beschließen ihre Textnachrichten mit hdgdl. Manch einer muss seiner Begleitung mit Klageliedern über Alltagsprobleme auf den Wecker fallen. Sollen die das doch bloggen! Aber dafür reicht ja die Rechtschreibung nicht. Manch anderer scheitert auch schon am Einsteigen. Tipp: Die Wagen sind durchnumeriert, und in aller Regel ist vorher bekannt, wo welcher Wagen stehen wird, wenn der Zug anhält.

Am wenigsten scheinen Kinder die magischen Qualitäten des Bahnfahrens zu schätzen. Denn nicht dieses einmalige Erlebnis von Ruhe, Abgeschiedenheit und – ja – Kontrollverlust versetzt diese Wesen in lautstarke Verzückung, sondern ein stehender Nahverkehszug – im verdammten Bahnhof! Wer kann sich bei einem derartigen Jahrhundertereignis auch beherrschen? Oder es heißt: Draußen regnet's! Soso. Ich hab auch einen: drinnen nicht! Besonders toll sind übrigens Einzelkinder, die lauthals proklamieren, dass sie in Fahrtrichtung und am Fenster sitzen wollen, dass sie dies-und-das essen oder trinken oder auch nicht essen oder trinken wollen, etc. Zu meiner Zeit sagte man noch Ich möchte bitte, und es wurde konsumiert, was auf den Tisch kam.

Dieses Wochenende bin ich in erhabener Mission in Bonn, natürlich mit der Bahn. Aber dieses Mal sollte nichts schief gehen. Nichts sollte die Magie stören. Also habe ich mich gefragt: Womit kann man dem lauten Pöbel entgehen? Natürlich: mit GELD. Also habe ich kurzerhand 2500 meiner über Jahre hinweg erarbeiteten Bonuspunkte springen lassen: für eine Freifahrt ERSTER KLASSE nach Bonn und zurück.

Mit der Ersten Klasse verband ich die üblichen Vorstellungen:

Die Realität sieht allerdings ein wenig anders aus:

Liebe Bahn, so lohnt sich die Erste Klasse nicht. Bitte lass dir was einfallen. Wie sagte schon Max Goldt:

  1. Pracht möchte Resultat allen würdigen Schaffens sein.
  2. Die Prachtpflicht ist neben der Residenzpflicht und der Arroganzpflicht eine unserer besten Pflichten.

Danke für nichts – dein Matthias Büchse.

Matthias Büchse am 29. Juni 2013

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