Stationen aus meinem Leben, Teil 2

Matthias Büchse am 21. Oktober 2006 in Dresden.

Weitere drei exklusive Kapitel voller menschlicher Wärme, die ich Ihnen in Zeiten abgehängter Prekariate gern unentgeltlich in Ihre sozial kalten Wohnstuben pumpe.

Kapitel 101: Kenn den Gauß

Am 20. Oktober fand in meiner geliebten Lebensabschnittsheimat Dresden die sogenannte Gaußvorlesung statt. Als ich davon hörte, hab ich erstmal gedacht: Oha, hoher Besuch. Und dann: Gauß, Gauß... Ist der nicht schon lange tot?

Carl Friedrich Gauß
*1777 Braunschweig
+1855 Göttingen

Ja, Freunde, das kann man wissen!

Und wenn man es weiß? Das ist so, wie wenn Mutti früher gesagt hat Ich habe heute den ganzen Tag das Haus von oben bis unten geputzt, und man hat gesagt: Schön. Wär aber auch egal gewesen, wenn sie es nicht gemacht hätte.

So verglich Harald Schmidt am 17. Oktober im Gespräch mit Sigmund Gottlieb die Situation, wenn Angela Merkel nachts um vier demonstrativ nochmal vors Mikro tritt, um Ergebnisse zäher Nachtverhandlungen zu präsentieren und vier Stunden später völlig erledigt in den Flieger nach Ankara zu steigen, um Deutschland zu repräsentieren.

Wahrscheinlich ist es gerade dieses harte Training, welches man braucht, um die Tränensäcke und die Augenringe so kanzlermäßig fit zu halten. Darum beneiden sie ja viele.

Zurück zum Thema. Einige sind jetzt mit Sicherheit ins Grübeln gekommen und fragen sich: Carl Friedrich... Hat der nicht auch diese schicken Prachtbauten in Berlin und Umgebung gebaut? Nein, das war Karl Friedrich, mit K und einem Sch wie Schinkel:

Karl Friedrich Schinkel
*1781 Neuruppin (Brandenburg)
+1841 Berlin (Schlaganfall)

Sind das eigentlich Jahreszahlen oder Postleitzahlen? Wenn Sie es wissen, schreiben Sie bitte eine SMS an die 40400.

Kapitel 102: Gaußvorlesung

Kommen wir aber zur Gaußvorlesung. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine reguläre Vorlesung, sondern um eine halbjährlich stattfindende Veranstaltung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. Jetzt mal ehrlich, liebe Mathematiker: Es gibt total bedeutende Vorlesungen, da rennt alle Welt hin – die werden gegeben, die werden gehört, Gedanken kommen in Gang.

Und dann gibt es Vorlesungen, die finden in einem Festsaal statt, den man liebevoll als übersichtlich bezeichnen könnte, die werden nicht gerade überrannt, und die gegenseitige Beweihräucherung mit Grußworten von Generaldirektoren über Rektoren (Magnifizenz) bis hin zu Präsidenten erinnert an kollektives Sich-einen-Runterholen nach dem Motto: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Sogar das Publikum wurde in diese Schweinerei einbezogen, sinngemäß: Die meisten gehen Freitagnachmittag an die Elbe, aber wir Akademiker sind fleißig. Am schlimmsten muß sich aber die Hauptrednerin gefühlt haben, deren Vorredner keine geringere Aufgabe hatte, als ihre Vita unter Erwähnung vieler Preise und Buchveröffentlichungen in den höchsten Tönen zu loben.

Nun gut, wer sich den Roten Teppich nicht leisten kann, legt stattdessen eine Schleimspur. Bitte festes Schuhwerk mitbringen.

Wärst du mal an die Elbe gegangen... – aber inhaltlich wurde es dann tatsächlich interessant. Zum einen gab es einen kurzen Einblick in die Mathematik vor der Zeitenwende mit Beispielen spätbyzantinischer Handschrift von Algebraaufgaben. Zum anderen, und das war die eigentliche Vorlesung, gab es einen Crashkurs in Philosophie der Mathematik.

Wie hat sich die Wahrnehmung der Mathematik über die Jahrtausende verändert und so weiter – Kenner meiner Person wissen, daß ich mich nicht unnötig mit Inhaltlichem aufzuhalten pflege. Klar, bei mir hat der Anspruch ein Zuhause, richtig. Aber er erhält nicht viel Ausgang. Ich war also gerade auf dem Weg, um nach ihm zu sehen, da fiel mir ein, daß dort keine nennenswerten Essensvorräte auf mich warten würden.

Wieder am Empfangsbereich angekommen, mußte ich jedoch feststellen, daß die belegten Brötchen, die als Preis für besondere Tapferkeit im Durchhalten zweistündiger Festvorlesungen vergeben wurden, bereits restlos alle waren. Immerhin haben mich die Mathematiker, denen ich mich daraufhin zur Linderung meines seelischen Schmerzes aufgedrängt habe, einigermaßen gelassen ertragen. Und es gab noch kostenlos mein Lieblings-"koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk".

Kapitel 103: Unsere Besten

Wer angesichts dessen denkt, daß der Abend nicht mehr schöner werden konnte, liegt falsch. Denn da war ja noch die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises in der ARD. Und wer sich über Cola freut, der muß bei Köhler förmlich ausrasten. (Am liebsten hab ich Köhler-Light...)

Ich muß an dieser Stelle eine Lanze für Horst Köhler brechen. Dem hölzernen Stil seiner Reden, in denen er gegen seinen schwäbischen Dialekt ankämpft – und gerne mal verliert –, ist doch parodistisch überhaupt nichts entgegenzusetzen. Bei seinem Auftritt als Laudator für Friedrich Nowotny artikulierte ich dann auch in bekannter Präzision unweigerlich die Frage: Samma, so Bundespräsident, brauch man das wirklich?

Die Antwort lautet freilich ja. Als Günther Jauch artig für den Preis in der Kategorie Beste Unterhaltungssendung dankte, den er und Hape-Kerkeling-Figur Horst Schlämmer für ein Prominenten-Special von Wer wird Millionär erhielten, wurde er plötzlich lustig – sinngemäß: Die Mädels draußen haben sogar gerufen: Horst, ich will ein Kind von dir. Die Gattin des Bundespräsidenten kennt diesen Gedanken.

Doch es gab an diesem Abend einen weiteren Günther zu feiern. Der WDR brachte in der Reihe Die Besten im Westen eine Dokumentation über Günther Netzer. Unvergessen die Szene, als er sich 1973 im Pokalfinale Gladbach gegen Köln in der letzten Minute selbst einwechselte. Ebenso unvergessen wie die – Achtung, Fußballjargon – kleinen Nickeligkeiten zwischen ihm und Delling. Letzterer (mit Puppe in der Hand): Oh, ein Kuschelnetzer. Der ist auch viel verträglicher.

Leider hat die WM-Berichterstattung der ZDF-Viererkette (allen voran natürlich Kloppo) den beiden beim Deutschen Fernsehpreis den Rang abgelaufen. Anne Will dagegen, Mitautorin der Dokumentation, konnte sich einen Preis abholen. Liebe Anne Will, sehen so die Argumente der Tagesthemen aus? Bei aller Liebe – ging's nicht noch ein bißchen tiefer? Also mit dem Ausschnitt.

Vielleicht auch ein Grund für den Blackout von Peter Klöppel. Peter ist bekanntermaßen der süßeste Anchorman, seit es RTL gibt, aber bei seiner Laudatio für Anne hat er sich in das nächstbeste mediale Fettnäpfchen gesetzt, als wäre political correctness noch nicht erfunden und er noch Volontär im ersten Jahr. Er sagte in etwa: Frauen können was. Und er hatte keine Skrupel, das mit Beispielen zu belegen.

Autsch. Lernt man nicht schon in der Schule, daß Sätze wie Frauen können was, Ich habe gar nichts gegen Frauen und Einige meiner besten Freunde sind Frauen (alternativ Linkshänder, Ausländer, Hauptschüler, Arbeitslose, Behinderte, ...) von einer unterschwelligen Randgruppenfeindlichkeit zeugen?

Sei's drum. Kommen wir zum Schluß und damit zurück zu meiner Lebensabschnittsheimat, der Landeshauptstadt und – geht es nach dem ZDF – Kriegsinvaliden Dresden: Über 500 000 Dresdner sind am Abend kollektiv in Tränen ausgebrochen. Der Film Dresden bekam den Deutschen Fernsehpreis für den besten Mehrteiler. Wieder ein Grund zu fragen: Wo wäre das ZDF heute ohne die Nazis?

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Matthias Büchse