Der beste Verkehr ist der, der gar nicht erst entsteht

Als ich das erste Mal von Joko und Klaas hörte, waren die schon bei zdf_neo angekommen. Ja, so ist es – ich gehöre vollen Huf zum Establishment, und was bei MTV oder ProSieben passiert, erreicht mich einfach nicht mehr. Jedenfalls fand ich die beiden durchaus nett – und gutaussehend! Aber da ich Teil des Establishments bin, kann ich dem ganzen Pop-Boulevard nichts abgewinnen. Ich brauche mehr Substanz. Heute würde man sagen, Joko und Klaas sind mir nicht deep genug.

Als ich das erste Mal von Jan Böhmermann hörte, war er Lakai von Harald Schmidt. Später sah ich ihn zusammen mit Charlotte Roche bei zdf.kultur in einer Sendung, deren Titelmusik von Bachs kleiner g-Moll-Fuge abgeleitet war. Damit deutete sich bereits an, dass Jan Böhmermann vielleicht eher meinen Vorstellungen von deepness entspricht.

Den endgültigen Beweis liefert er seit neuestem mit seiner genialen Sendung NEO-Magazin auf zdf_neo. Diese Sendung ist im Grunde eine Art Late-Night-Show für die Twitter-Generation. Gleichzeitig enthält sie aber auch Vintage-Elemente; zum Beispiel ist sie an das ZDF-Magazin (1969–1988) angelehnt.

Aber wer kennt noch das ZDF-Magazin mit Gerhard Löwenthal? Ich kenne diese Sendung eigentlich – wie so Vieles – auch nur dank der Harald-Schmidt-Show. Denn Ende 2002, nachdem Löwenthal gestorben war, gab es folgende Würdigung:

Gerhard Löwenthal war zum Beispiel jemand, der für mich auch prägend war in meiner Jugend – als ich Kommunist war, als ich Black-Panther-Bewegung war, als ich Mao-Anhänger war, als ich sozusagen alles getan habe, was man als Revoluzzer gemacht hat: lange Haare, Moped frisiert, alles hatte ich.

So, und da war immer mittwochs Pflicht: Gerhard Löwenthal, ZDF-Magazin. Man war nie seiner Meinung, aber man muss heute sagen, nach 30 Jahren oder so, er hat Recht gehabt. Er hat gewarnt. Er hat gesagt: Der Kommunismus wird zusammenbrechen, die DDR ist eine Diktatur.

Und das Charakteristische beim ZDF-Magazin war immer diese Titelmusik – die hier. (Musik) Dann kamen die Themen: Kanzler Schröder von Moskau bezahlt; Müntefering – wer warf die Betonplatte?; Bütikofer – aus dem Gulag in die Verantwortung.

Und […] ein berühmter Komponist: Witold Lutosławski.

An diesem Zitat zeigt sich, wie ich so viel von Harald Schmidt lernen konnte. In wenigen dürren Sätzen verweist er auf so viele Sachen: Löwenthal, ZDF-Magazin, Black-Panther-Bewegung, Gulag, Lutosławski. Ja, ich gebe zu, dass ich 2002 vielleicht noch nicht wusste, was ein Gulag war. Fernsehen bildet eben doch. Aber zurück zu den Meriten von Jan Böhmermann. Er hat das Talent, hin und wieder absolut beiläufig Sätze oder Kalauer zu sagen, die mich sekundenlang laut auflachen lassen, während das Publikum nicht die Bohne reagiert. Folgendes Beispiel:

Das waren auch noch Zeiten, als George Michael noch hetero war.

Das ist nicht diese Art von Ironie, wie wenn man bei minus drei Grad sagt was für ne Hitze heute, hahaha. Nein, was einem mit diesem Satz untergeschoben wird, bemerkt man in einem unaufmerksamen Moment vielleicht gar nicht. Es gibt drei bescheuerte Arten, auf diesen Satz zu reagieren.

Und jetzt meine Art: ich ziehe es vor zu lachen; daneben denke ich mir Folgendes. Der Satz spielt auf die perverse Situation an, dass ein George Michael zwar homosexuell war und dies der eine oder andere sicher auch geahnt haben muss, dass er sich aber aufgrund bis heute währender gesellschaftlicher Missstände anscheinend genötigt sah, diese Tatsache zu verschweigen. Indem Böhmermann den zitierten Satz so beiläufig wie trocken ausspricht, entlarvt er die bewussten Missstände viel wirksamer, als wenn er sich ähnlich unbedarft zum Thema äußern würde wie bei Nummer 2 angedeutet.

Fazit: Böhmermann ist ein inspirierter Geist und braucht dringend mehr Fernsehpräsenz.

Aber es gibt noch mehr feinen Humor. Da wäre der “Radio-Podcast” sanft und sorgfältig, den Jan Böhmermann und Olli Schulz zusammen machen. Olli Schulz ist ebenfalls genial, und wer ihn kennt, dürfte dies schon weit länger tun als ich.

Um die Genialität dieser Sendung zu beschreiben, bringe ich wieder ein Beispiel. Jan und Olli unterhalten sich ganz unverbindlich zu aktuellen Themen, und die Sprache kommt auf die NSA-Affäre. Die beiden sind sich einig, dass das Thema unbedeutend sei, und dass es doch egal sei, ob man abgehört werde. Wiederum wird es vom unbedarften Publikum ähnliche Reaktionen geben wie im George-Michael-Beispiel. Im NEO-Magazin allerdings gibt es ein Segment namens Prism is a Dancer, in dem ohne Witz Leute aus dem Publikum mit delikaten Einzelheiten vorgeführt werden, die man über sie im Internet (bei Facebook, Twitter, ebay, etc.) finden kann. Die beiläufig hingeworfene Aussage, dass der Abhörskandal doch keine Bedeutung habe, verstehe ich folglich als Satire. Da wird die Unbedarftheit der Leute mal zur Kenntlichkeit entstellt.

Dann gibt es noch die unvergleichliche Sendung Willkommen Österreich mit Christoph Maria Grissemann und Dirk Stermann, die unter dem Motto Gags, Gags, Gags steht. Auch hier ist es oft so, dass ich brüllend vor dem Fernseher liege, während man im Publikum eine Stecknadel fallen hören könnte. Ich glaube, das liegt daran, dass ich die Manierismen der Moderatoren so liebe. Meistens haben sie selbst mehr Spaß an ihrer Sendung als das Publikum. Das kann ich gut nachfühlen – gutes Publikum ist heute schwer zu finden. Außerdem mag ich die Sendung, weil ich eine Schwäche für Österreich habe.

Zum Schluss bin ich meinen Lesern zwei Antworten schuldig. Zuerst auf die Frage, was es mit der Überschrift auf sich hat – der beste Verkehr ist der, der gar nicht erst entsteht. Nun, es handelt sich um eine Überschrift, die ich kackendreist aus einer Zeitschrift übernommen habe, die ich gerade lese. Nein, nicht die vom Vatikan im Abstand von 2000 Jahren herausgegebene Verhütung heute, sondern der von der GLS Bank herausgegebene Bank Spiegel, diesmal zum Thema Mobilität.

Die zweite Frage ist: Mabü, wenn man so viele Leute meiden soll, ist man dann nicht ziemlich einsam? Klare Antwort: Ja, ist man. Aber es hat ja auch keiner gesagt, dass das Leben gerecht ist oder Spaß macht. Also bleibt euch treu, bleibt anständig, und habt ein frohes Fest. Zur Not alleine.

Matthias Büchse am 22. Dezember 2013

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