Andere Länder…

Wer kennt es nicht – das Gefühl, endlich wieder zuhause anzukommen? Man war im Urlaub, und es war auch alles super: Es gab schönes Wetter, leckeres Essen und tolle Erlebnisse, an die man gerne zurückdenken wird. Und man hat sich über jeden beschissenen Deutschen geärgert – nicht mal im Urlaub hat man seine Ruhe. Doch dann sitzt man wieder im Flieger nach Berlin und kann es kaum erwarten, wieder deutschen Boden zu betreten und seine Muttersprache zu sprechen. Wenn es dann so weit ist, freut man sich so dermaßen, dass man sogar dem schlecht gelaunten Berliner Busfahrer etwas abgewinnen kann.

Genau so ging es mir heute auch. Allerdings saß ich nicht im Flugzeug nach Berlin. Nein, ich war zu Fuß unterwegs, und ich überquerte auf der Albertbrücke die Elbe. Mit tiefer Erleichterung reiste ich aus dem rechtselbischen Dresden aus und in das linkselbische Dresden ein. Ich musste nicht mal mit meinem Ausweis winken, und doch fühlte es sich so an, als käme ich in ein anderes Land.

Die Neustadt, wie weite Teile des rechtselbischen Dresdens auf Höhe der Albertbrücke genannt werden, gehört zu den am dichtesten besiedelten Teilen der Stadt. Für jemanden, der die linkselbische Seite bewohnt, ist die Neustadt geradezu beklemmend, und zwar auf jede erdenkliche Art.

Es reicht ja nicht, dass die Straßen eng sind und der Handyempfang schlecht ist; da sind auch noch die Leute. Das Neustadtvolk ist so uneinheitlich, wie es ein Volk eben sein kann. Da hat ein jeder seinen individuellen, alternativen Lebensentwurf. Die wesentliche Gemeinsamkeit zwischen den Leuten ist das Slackertum – also die Abwesenheit jeglicher Ambition – und die bedingungslose, rücksichtslose Unangepasstheit. Gängige Regeln der Ästhetik haben keine Chance, und Hässlich ist das neue Schön. Der Gast von der anderen Elbseite hat daher große Mühe, die Leute in irgendwelche Schubladen einzuordnen, und sei es nur “ungefährliche Leute” und “gefährliche Leute”.

Dem durchschnittlichen Neustadtbewohner gilt Effizienz wenig, aber Sorglosigkeit und Individualität alles. Dementsprechend wenig Rücksicht wird auf das Fortkommen all jener genommen, die sich regelkonform verhalten.

Das drückt sich natürlich im Verkehr aus. Die kleineren Straßen sind – wie ja bereits gesagt – eng, und sie sind voller Leute, die sich erratisch-chaotisch verhalten. Da der Straßenbelag unerhört schlecht ist, fährt der Neustädter mit seinem rostigen Fahrrad auf dem Fußweg, wobei – wie ja bereits gesagt – Rücksichtnahme auf das Fortkommen der regeltreuen Verkehrsteilnehmer nicht zu seinen Topprioritäten gehört. Die Frage des linkselbischen Gastes, wieso man denn das Fahrrad nutze, obwohl man nicht bereit sei, sich an die geltenden Regeln zu halten, wird freilich nicht verstanden.

Auf dem Boden sammeln sich fallengelassene Flyer, am Rand stehen zu Dutzenden abgestellte Fahrräder. Wenn dann noch quasi aus dem Fenster heraus Softeis verkauft wird – mit ganz viel Liebe, aber dafür mit ganz wenig Ahnung –, dann kann es passieren, dass der gesamte Fußweg von Tausenden wartender Kunden blockiert wird. Der unfähige, tollpatschige Verkäufer ist mit seiner Ineffizienz daran sicher nicht ganz unschuldig, aber in der Neustadt gilt – wie ja bereits gesagt – Effizienz nichts, und sein Mantra "Es ist alles gut" sorgt demnach keineswegs für Augenrollen oder Kopfschütteln, sehr zur Überraschung des linkselbischen Gastes.

Auch die größeren Straßen sind in der Neustadt recht eng, für Grünstreifen fehlt der Platz, und das Verkehrsaufkommen ist wahnsinnig hoch. Dementsprechend staubig sind die Straßen auch.

Wenn in der Neustadt neu gebaut wird, dann nicht ohne den Protest der Anwohner. Geht es um neue Häuser, dann sind die Erbauer böse Mietpreistreiber. Mag sein, dass steigende Mieten ein Problem sind, und dass die Bevölkerung günstigen Wohnraum benötigt – aber ein Recht auf günstiges Wohnen in der Neustadt gibt es eben nicht. Geht es um bessere Straßen, dann, ja dann weiß ich auch nicht. Es ist ja wohl nicht zu übersehen, dass die kaputten Straßen und das enorme Verkehrsaufkommen nicht zusammenpassen.

Der Neustädter preist dem linkselbischen Gast gegenüber gern die Nähe zur Elbe, also sucht Letzterer den Fluss auf, um sich von dem ganzen Chaos ein wenig zu erholen. Aber nichts dergleichen ist möglich. Denn kaum hat man sich den Elbauen genähert, muss man höllisch aufpassen, dass man nicht von beiden Seiten(!) von antiautoritär “erzogenen” Kindern überfahren wird, die gerade auf ihren Fahrrädern die Grenzen des Machbaren ausloten.

Demnach verwundert es inzwischen vermutlich niemanden mehr, dass der Anblick der linkselbisch gelegenen Johannstadt mit ihren übersichtlich und großzügig angelegten Straßenzügen eine enorme Sehnsucht bei dem reichlich zermürbten Neustadt-Touristen auslöst. An die Sehnsucht schließt sich ein tief empfundenes Gefühl der Hoffnung an, sobald er sich der nahen Erlösung in Form der Albertbrücke gewahr wird.

Er nimmt seine letzte Kraft zusammen und schleppt sich endlich – dem Neustadtvolk, welches in schrecklichen Outfits chaotisch wuselnd das Leben genießt, ausweichend – über die Elbwiese bis zur Brücke. Das letzte Stück Weg führt durch einen Park, und der Tourist hält sich wie üblich an die befestigten Wege. Dass er hierbei beinahe von Neustadtvolk überholt wird, welches das Metallzäunchen ignoriert und über den Rasen abkürzt, kann er nur noch resigniert als Bestätigung seiner bisherigen Eindrücke werten.

Endlich, endlich ist das Ende der Brücke erreicht, und dann ist es da: das Gefühl, wieder zuhause anzukommen. Endlich wieder: Saubere, grüne, weite und nicht überfüllte Straßen. Leute, die nicht vorsätzlich das ästhetische Empfinden ihrer Mitmenschen beleidigen. Bester Handyempfang. Kellner, die einen siezen! Man freut sich so dermaßen, wieder zuhause zu sein, dass man sogar den bekloppten Dynamofans etwas abgewinnen kann.

Abschließen möchte ich mit dem passenden englischen Ausspruch: When in Rome, take the next plane back home.

Matthias Büchse am 23. Februar 2014

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