Preise dein Glücke

Die Zeit, die Bravo für Abiturienten, widmet sich in ihrer Reihe City Guide Dresden der sächsischen Residenzstadt, in der ich seit nunmehr gut 10 Jahren – nun ja – residiere. Was Die Zeit reitet, ist unbekannt, aber vielleicht sehnen sich die Redakteure in Hamburg nach ein wenig echter Kultur an der Elbe, abseits von Roter Flora etc. Demnächst ist also auch mit den City Guides Magdeburg (Kaiserstadt) und Dessau (Bauhaus) zu rechnen.

In jedem Fall bestätigt die neueste Ausgabe des Städteführers mal wieder meine schlimmsten Vorurteile gegen die Neustadt:

Die Zeit: Herr de Val, Sie sind Dresdens bekanntester DJ. Ich würde mit Ihnen gerne übers Nachtleben sprechen.

György de Val: … als Erstes gewöhnst du dir mal das “Sie” ab. Bei uns in der Neustadt sagt man “du”.

GRUNDGÜTIGER! SCHEISSE NOCHMAL! An dieser Stelle legt man die Zeitung doch entnervt fluchend beiseite. Unverschämt, unseriös, unerträglich – da kann ich mir auch gleich die richtige Bravo kaufen! Und überhaupt, von einem DJ de Val hab ich noch nie gehört.

Aber kommen wir zurück zur echten Kultur. Listen up, Hamburg! Bekanntermaßen hat August der Starke (eigentlich Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen und durch politisches Taktieren auch König August II. von Polen) aus der besagten Residenzstadt um 1700 einen blühenden Hort der Kultur gemacht. Nicht nur der Zwinger und die Hofkirche zeugen davon, sondern auch ein unermesslicher Reichtum an in Dresden komponierter oder wenigstens aufgeführter Musik.

Illustre Namen wie Pisendel, Telemann, Quantz, Zelenka, Fasch, Heinichen, Hasse und leider auch Vivaldi sind hier zu nennen. Wie sich herausstellt, besitze ich zwei Platten namens Ein Dresdner Festkonzert (Virtuosi Saxoniae und Ludwig Güttler) und Concerti per l'orchestra di Dresda (Musica Antiqua Köln und Reinhard Goebel). Mit diesen ist es buchstäblich möglich, dass einem der Glanz und die Pracht vergangener Tage bis ins Mark fährt.

Gestern wollte es der Zufall, dass ich diesen phänomenalen Klängen lauschte, während ich zwischen Zwinger und Hofkirche unterwegs war. Folgender Gedanken konnte ich mich dabei nicht erwehren.

  1. Nicht nur, dass man vor 300 Jahren noch wusste, was Pracht ist. Und Pracht möchte – wie ja bereits gesagt – Resultat allen würdigen Schaffens sein. Also nicht nur das. Nein, das Epizentrum dieser Pracht lag auch noch in Dresden, und ich darf hier nach Belieben tagtäglich langspazieren. (Womit ich die Bedeutung von Orten wie Potsdam oder Mannheim keineswegs schmälern möchte.)
  2. Nicht nur, dass man heute offenbar nicht mehr weiß, was Pracht ist. Aber wenn es heute irgendwo ein Epizentrum moderner Pracht gibt, dann liegt es bestimmt nicht in Dresden. Seit August dem Starken und seinem Sohn ist in dieser Stadt nichts Mutiges mehr unternommen worden. Jan Böhmermann nennt Weimar ein Disneyland für Akademiker, und Selbiges trifft auf Dresden zu.

Ach ja, Dresden, Weimar, Mitteldeutschland, Europa. Herrlich, wenn die abendländische Kultur an einem vorbeirattert wie eine mit verliebtmachenden Drogen vollgepumpte Eisenbahn. Aber es bleibt ein schaler Beigeschmack. Das Familienoberhaupt spricht: Komm, wir fahren nach Leipzig, an die Wirkungsstätten eines Bach und eines Mendelssohn. Aber wer wirkt eigentlich heute in Leipzig? Darauf weiß das Familienoberhaupt leider keine rechte Antwort. Porsche vielleicht? BMW?

In welcher europäischen Stadt – in welcher Stadt überhaupt – werden heute noch wegweisende Bauwerke errichtet? Die Kathedralen und Schlösser vergangener Tage wurden längst abgelöst von kapitalistischen Zweckbauten, also Bahnhöfen, Flughäfen und Kaufhäusern. Konzertsäle wurden abgelöst von Mehrzweckhallen, die so klingende Namen besitzen wie O2 World. Selbst Fußballstadien werden unter Kommerzgesichtspunkten errichtet und tragen dann ebenso schöne Namen.

Und wo wird noch nennenswerte Musik komponiert? Freilich, auch die populäre Musik heutiger Tage kann hie und da mit einer Perle aufwarten. Und ich bin da auch nicht immer wählerisch. Aber im Großen und Ganzen zerfällt die heutige Musik einerseits in geistlosen Klamauk diverser Blödelbarden, egomanische Larmoyanz von akutem Trennungsschmerz bis chronischem Weltschmerz, hormongetriebenes Gesäusel und was sich halt sonst noch alles an geistig Junggebliebene verkaufen lässt, und andererseits in Pseudo-Avantgarde für die gepflegte Zurschaustellung der Kulturbeflissenheit eines prätentiösen Snobs. Letzterer schadet natürlich dem populären Ansehen der Kultur und tut der staatlichen Kulturförderung sicherlich keinen Gefallen.

Aber ich schweife ab. Denn schlussendlich möchte ich auf einen Giganten der abendländischen Kultur zu sprechen kommen, der in Dresden leider nie die verdiente Beachtung gefunden hat (dafür aber am Hofe eines Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen): Johann Sebastian Bach. Keiner weiß besser um dessen unschätzbare Bedeutung, keiner kennt besser seine innere Verfasstheit als Sir John Eliot Gardiner. Es bedarf offenbar eines Senders wie der BBC, damit dieses Wissen und der Zauber der Bachschen Musik nunmehr eine breite (wenn auch englischsprachige) Öffentlichkeit erreicht. Watch it!

Gardiner stellt klar, dass es Bach enorm schwer hatte, dass er mit Verlusten zu kämpfen hatte – seine Eltern starben, als er 10 Jahre alt war, und er verlor seine erste Frau und viele seiner Kinder –, aber ihm kam es nicht in den Sinn, besagte egomanische Larmoyanz an den Tag zu legen. Vielmehr strahlt seine Musik Trost und Hoffnung aus und gibt Grund zum Optimismus. Ähnliches sehe ich persönlich bei Mozart, und ich frage mich, wieso es heutigen Musikschaffenden so schwer fällt, ihre persönliche Kackscheiße aus ihrer Musik herauszuhalten. Persönlicher Schmerz ist sicher ein guter Antrieb fürs Komponieren, aber kein guter Inhalt von Musik.

Zwar war, wie Gardiner herausstellt, der von Bach formulierte “Endzweck” (welch herrliche Dopplung) seines Lebens das Schaffen großer sakraler Musik. Aber er hat ebenso überwältigende säkuläre Musik komponiert. Ich nannte vor ein paar Monaten bereits die Brandenburgischen Konzerte (mindestens in Teilen in Köthen entstanden) – hier mal eine gute Aufnahme des zweiten Konzerts (12 Minuten). Und der eine oder andere hat vielleicht auch schon gehört, dass Bach die Musik des Eingangschores Jauchzet, frohlocket des Weihnachtsoratoriums einer seiner weltlichen Kantaten entnahm (Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!, BWV 214), die zu Ehren der sächsischen Kurfürstin entstand.

Erst vor kurzem allerdings hörte ich von einer weiteren weltlichen Kantate, die zu erwähnen hier dringend angezeigt ist – Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen (BWV 215). August der Starke war 1733 verstorben, und so wurde sein Sohn Friedrich August II. Kurfürst von Sachsen. Wiederum durch geschicktes Taktieren gelang es demselben 1734, auch als August III. König von Polen zu werden. Dieser Umstand wird in der besagten Kantate gefeiert. Da man es versäumt hatte, Bach eine angemessene Anstellung in Dresden zu geben, musste die Uraufführung leider in Leipzig stattfinden. Besonders überwältigend ist der achtstimmige(!) Eingangschor, der mir eigentlich regelmäßig die Tränen in die Augen treibt.

Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen,
Weil Gott den Thron deines Königs erhält.

Fröhliches Land,
Danke dem Himmel und küsse die Hand,
Die deine Wohlfahrt noch täglich lässt wachsen
Und deine Bürger in Sicherheit stellt.

Watch it!

Matthias Büchse am 9. März 2014

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