Aber heute: Aggression!

Langjährige Leser meines Blogs erinnern sich, dass ich hin und wieder dazu neige, meinen Alltagsfrust wortreich zu ventilieren, wobei es in der Regel um erratisch sich bewegende Passanten oder andere Idioten geht, die nicht über sich hinaus denken oder mein Fortkommen behindern. Ich war immer der Ansicht, der Anteil der Idioten an der Menschheit liege bei etwa zwei Dritteln, bis meine Großtante in Berlin (weiß Gott eine weise ältere Dame mit Stil!) mich korrigierte: es seien locker 95 Prozent.

Heute ist es mal wieder Zeit für so einen meiner verbalen Vulkanausbrüche. Zur Vorgeschichte: Dieser Tage verlebe ich meinen vermutlich verdienten, aber zumindest dringend benötigten Urlaub. Erst war ich in Oberhof (Thüringen), dann in der schönsten Stadt der Welt (Salzburg, und Alexander von Humboldt hat da definitiv nicht ganz Unrecht), und nun weile ich in Innsbruck, bevor es dann weiter geht nach Bozen (nicht Bautzen!).

Neben ganz viel Nichtstun, in Cafes sitzen (wie jetzt gerade) und süchtigmachende Blogs (Heldin im Chaos) lesen, gibt es natürlich auch körperliche Betätigung (Joggen und Wandern auf dem Rennsteig, dem Mönchsberg und anderswo) und wertvolle Kulturbeiträge – erst ein ab-so-lut hinreißendes Konzert der Salzburg Mozart Players in der Neuen Residenz, bei dem (bis hin zu Freudentränen) so ziemlich alles stimmte, was stimmen kann, und zuletzt ein Konzert der Wiltener Sängerknaben in der Innsbrucker Hofkirche.

Und damit sind wir bei dem Anlass dieses Beitrags angekommen. Das Konzert war auf 1830 Uhr anberaumt, Einlass 1800 Uhr. Ich stellte meinen Nachmittagswecker auf 1700 Uhr, damit ich genug Zeit haben würde, mal-noch-eben-schnell für den bevorstehenden Sonntag ein paar Snacks einzukaufen (ja, Lebkuchen und Gummibärchen) und eine Kleinigkeit zu essen, damit mein Magen nicht den Gesang übertönen würde.

Aber hat sich was mit mal-noch-eben-schnell: Der von Google Maps verzeichnete BILLA (Österreichisch für: REWE) am Marktgraben 29 existierte MITNICHTEN, und so durfte ich mich suchend durch eine Horde unmotiviert knipsender und erratisch sich bewegender Japaner und sonstiger we are the 95 % (siehe oben) kämpfen, bis ich einen annehmbaren Supermarkt ausfindig gemacht hatte. Auf dem Weg wunderte ich mich bereits über die vermittels rot-weißem Kunststoffband in der ganzen Stadt abgesperrten Straßen – es war doch alles ruhig?

Als ich aus dem Supermarkt wieder heraustrat, war das anders, und plötzlich war klar, was die Absperrung sollte: Stadtlauf! Und es reichte ja nicht, dass eine Horde rennender Menschen mich buchstäblich und effektiv von meinem Ziel (der Hofkirche) abschnitt, nein! Zu allem Überfluss hörten die Reisegruppen (neben Japanern auch Inder) auf, wie ein blöder Esel zum eine-Milliarden-und-ersten Mal die 600 Jahre alten Bürgerhäuser zu fotografieren, sondern stellten sich als nicht minder blöde Schaulustige an die Rennstrecke, denn rennende Menschen – das hat es ja zuhause nicht!

Nun, was soll ich sagen: Tatsächlich war die Horde bis 18 Uhr so weit abgezogen, dass ich rechtzeitig am Eingang der Hofkirche stand, Gummibärchen mümmelte und auf Einlass wartete. To make a long story short: Man ließ uns (sicher mehrere Hundert Leute) nicht etwa direkt ein, sondern geschlagene 20 Minuten warten; erst im Foyer des Tiroler Volkskunstmuseums, dann in dem zur Hofkirche gehörenden Kreuzgang. Offenbar hatten sich die blöden Bengels nicht rechtzeitig eingesungen, denn die drängelten sich dann auch noch an uns vorbei. Nicht gerade die Atmosphäre, in der ich zur Ruhe komme und mich mental auf ein Konzert einstelle.

Aber egal – ein Arvo Pärt, ein Heinrich Schütz, ein Johann! Sebastian! Bach! sollten eigentlich für alles entschädigen. Also Augen zu und genießen. Doch – ihr ahnt es – weit gefehlt! Denn wenn es kommt, dann kommt es dicke, und warum sollte es sich bei diesem Konzert mit den 95 % anders verhalten als anderswo? Denn die meisten Konzertbesucher waren MITNICHTEN (ich wiederhole das Wort gern) anwesend, um sich von der Musik verzaubern zu lassen, sondern weil sie in irgend einem überflüssigen Verwandtschaftsverhältnis zu den singenden Blagen standen – schlimmstenfalls auch noch etwa gleichaltrig. Mit dem Ergebnis, dass es den Leuten nicht möglich war, einmal für fünf Minuten die Luft anzuhalten!

Nochmal zum Mitschreiben: Ich sitze mit einem durch die Vorgeschichte bereits leicht erhöhten Cortisolspiegel in einer alt-ehrwürdigen Kirche, ich höre besinnliche, meditative sakrale Musik, die obendrein auch noch meisterhaft komponiert ist (zur Qualität der Aufführung sage ich lieber mal nichts), und um mich herum tuschelt und zischelt es in einer Tour. Insbesondere nach dem perfekten Konzert in Salzburg war ich doch etwas enttäuscht.

Wer sich mit leicht erhöhtem Cortisol auskennt, weiß: Ich musste etwas tun. Denn kurzatmig, mit trockenem Mund und aggressiven Gedanken im Kopf ist so ein Konzert keine Freude. Nun war es schlechterdings unmöglich, das Konzert vorzeitig zu verlassen, oder noch besser: es in meine heimische Badewanne zu verlegen. So viel zum Thema fight or flight.

Aber ich hatte eine Idee – Auftritt Dr. Matthias Büchse, der Informatiker, dem die Compiler vertrauen –: Ich würde den Ärger einfach wegatmen! Tolle Idee, Herr Doktor, aber: Ich hatte noch nie Atemübungen unter akutem Stress gemacht. Und mangels Schwangerschaft hatte ich noch nie einen Hechelkurs besucht! Wie zum Geier atmet man Ärger weg?

Na egal, es musste irgendwie gehen. Und während ich so langsam – einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen – herunterkomme, habe ich die Epiphanie: Es ist doch immer gleich bei mir! Immer wenn ich mal-noch-eben-schnell etwas erledigen will, mal-noch-eben-schnell einen simplen Plan ausführen, immer dann werde ich so aggressiv und unleidlich! Offenbar neige ich dazu, Dinge schneller erledigen zu wollen, als unbedingt nötig, schneller auch, als es nachhaltig wäre, und ich setze mich dadurch unbewusst unter Druck. Dabei ist das Leben doch kein Sprint, sondern ein Dauerlauf. Und dieses Problem habe ich seit Jahrzehnten regelmäßig! (Facepalm)

Fazit: In Zukunft werde ich versuchen, Erledigungen der Sorte mal-noch-eben-schnell auf ein Minimum zu reduzieren, und ich sollte mal einen Hechelkurs belegen.

Das Konzert hielt dann doch noch einen besinnlichen Moment für mich bereit: Als das Abendlied von Matthias Claudius ertönte – besser bekannt unter Der Mond ist aufgegangen und Der weiße Neger Wumbaba – war ich tatsächlich für einen Moment richtig gerührt. Und weil das Gedicht so schön ist, schließe ich diesen Beitrag hier und zitiere es (nach Wikipedia) darunter.

P. S.: Die Hetzerei hab ich mir noch immer nicht abgewöhnt. Diesen Beitrag hab ich binnen knapp zwei Stunden geschrieben und redigiert, und ich hab schon wieder das Cortisol-Level erreicht. Denn na-tür-lich kann man in diesem Cafe nicht sitzen, ohne aufgrund massiver Zugluft kalte Füße zu bekommen und von hemmungslos herumturnenden kleinen Kindern belästigt zu werden. Ich würde mal sagen, zwei Stunden sind ne gute Zeit, aber der Preis dafür ist mal wieder der bekannte. Ne Badewanne hab ich in Innsbruck leider nicht, aber ich werd jetzt in die Herberge gehen und ausführlich heiß duschen. Und wo ist der nächste Hechelkurs?

Matthias Büchse am 20. September 2015

Abendlied

Matthias Claudius (1740–1815)

1. Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

2. Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

3. Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

4. Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

5. Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

6. Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

7. So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!

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