Die große Kunst – immer auf der Suche nach der Wahrheit

Mein chronologisch letzter Beitrag (Geschmack ist nicht immer Privatsache) war sehr polemisch und hat einige Leser offenbar angegriffen. Während ich zwar eine lebhafte Diskussion befeuern wollte, wollte ich doch niemanden verletzen. Daher stelle ich besagtem Beitrag diesen hier voran.

Auf den ersten Blick würde man doch sagen: Musik ist eine emotionale Angelegenheit, mithin subjektiv. Musik ist schlechthin Geschmackssache.

Stimmt – auf den ersten Blick.

Aber bei Emotionen hört der Mensch nicht auf. Wir sind doch – zum Glück – keine Reizreaktionswesen, sondern vernunftbegabt. Und natürlich kann sich jeder Mensch fragen, wie seine Emotionen entstehen. Im allgemeinen sollte man das unbedingt tun, denn Emotionen wirken nicht immer positiv; und zu verstehen, woher sie kommen, beraubt uns meiner Erfahrung nach nicht deren Wirkung.

Ich habe in der Schule gelernt, dass die Wirkung von Musik beim Zuhörer kulturell geprägt ist. Ich würde sagen, sie beruht zu einem gewissen Anteil auf Konditionierung. Das wissen die Produzenten, und sie spielen auf der Klaviatur unserer Emotionen, während sie auf der Klaviatur ihres MIDI-Keyboards spielen.

Und was den Geschmack angeht – natürlich gibt es sehr wohl guten und schlechten Geschmack. Dass uns etwas schmeckt, heißt noch lange nicht, dass es gut ist. Den meisten Menschen schmecken sogar Dinge, die für sie gar nicht gut sind; sie essen zu süß und zu salzig. Zucker wirkt bei Vielen im Kleinhirn wie eine Droge, er macht regelrecht abhängig. Eine Tafel Schokolade oder eine Packung Chips lassen die wenigsten angebrochen liegen.

Aber man kann guten Geschmack lernen. Jedes Kind liebt Zucker, und Kinder finden Kaffee zu bitter. Und längst nicht alle Erwachsenen sehen das anders. Aber es gibt sie, diese Erwachsenen, die süßes Essen meiden, weil es ihnen nicht schmeckt. Und die Erwachsenen, die es zu schätzen wissen, wenn ein Aroma reichhaltig und in diesem Sinne tief ist, wie beim Wein oder beim Kaffee. Richtig, auch Alkohol und Koffein machen süchtig. Aber ich kenne weit mehr Menschen, die keine angebrochene Tafel Schokolade liegen lassen, als solche, die keine angebrochene Flasche Wein stehen lassen.

Meines Erachtens ist der gute Geschmack eine Frage des Wollens und der Gewöhnung. Die Leiterbahnen müssen sich im Kopf erst bilden, die es uns erlauben, das komplexe Aroma eines Kaffees oder Weins zu entschlüsseln. Aber wenn diese Leiterbahnen einmal vorhanden sind, dann stellt sich auch eine gewisse Erwartungshaltung ein – die Bahnen wollen bedient werden. Dann will man das komplexe Aroma nicht mehr missen, und dann findet man eine Fanta schnell fad, weil sie eben kein komplexes Geschmackserlebnis bietet, sondern primär das niedere Verlangen nach Zucker erfüllt.

Nach einem Tag, an dem man einen guten Kaffee oder einen guten Wein genossen hat, liegt man vielleicht im Bett und denkt nochmal daran zurück. Vielleicht hat diese Erfahrung einen sogar ein wenig verändert. Die Leiterbahnen bilden sich jedenfalls ständig um. Allein: die Fanta kann das nicht.

Fassen wir so weit zusammen: Emotionen soll man hinterfragen, Musikproduzenten wissen, wie man im Schnitt Emotionen auslöst, es gibt guten und schlechten Geschmack, und Geschmack kann man lernen – zumindest beim Essen.

Warum soll das bei der Musik anders sein? Auch hier kann man sich fragen, wie gehaltvoll und komplex ein Werk ist – wieviel Kunstfertigkeit und Lebenserfahrung steckt darin, wieviele Jahre muss ein Mensch mit sich gerungen haben, um so etwas zu produzieren, und ist es einzigartig oder eher austauschbar? Und nicht zuletzt: Kann ich aus dem Werk etwas für mein Leben lernen, bringt es mich der Wahrheit näher?

Ich sage mal so: Manche mögen Sportfreunde Stiller – obwohl sie ihre Instrumente nicht beherrschen, ihre Songs eher banal sind (wenn man so will, bist du meine Chillout Area, [...] meine Süßwarenabteilung im Supermarkt), und der Sänger eher schreit als singt, und das noch mit schlecht zurückgehaltenem Münchner Akzent. Manche mögen Helene Fischer – obwohl ihre Texte nicht weniger banal, dafür aber deutlich weniger originell sind (jemand hat mal alle möglichen Lieder rausgesucht, die die Zeile atemlos durch die Nacht oder Variationen davon enthalten). Ich wiederum mag eben hin und wieder Modern Talking, und die sind erst übel, auch wenn sie ihre schlechten Texte wenigstens maskieren, indem sie so eine Art Englisch verwenden.

Wenn jetzt ein Sportfreunde-Fan mir zustimmt, dass Helene Fischer tatsächlich nicht die Speerspitze des guten Geschmacks ist, oder – andersrum – ein Helene-Fischer-Fan sagt, die Sportfreunde seien ja nicht die große Kunst, dann antworte ich denen: Ihr habt beide Recht, und Modern Talking ist auch eher von bescheidenem künstlerischen Beitrag; mich jedenfalls bringt es der Wahrheit nicht näher.

Und das ist auch gar nicht schlimm; manchmal schmeckt einem eben die Fanta. Man sollte aber wissen, dass es nur die Fanta ist. Und wenn man trotzdem abends im Bett liegt und intensiv an Helene Fischer denkt, dann ist vielleicht nicht unbedingt die Musik der treibende Faktor.

Mein nächster und letzter Punkt: Konsum ist politisch. Wenn wir ein Produkt kaufen, geben wir damit eine Stimme ab. Beispiele: Ich kaufe “grünen” Strom, weil ich damit bei der Strombörse die Nachfrage nach konventionell hergestellter Energie verringere. Meinen Urlaub verbringe ich bevorzugt an Orten, die ich ohne Flugzeug erreiche, weil Mobilität auf Kosten der Umwelt aus meiner Sicht kein Menschenrecht ist. Auf der anderen Seite esse ich viel zu oft Döner, aber immerhin weiß ich, dass dieses Verhalten nicht nachhaltig ist, und wenn mich deswegen jemand angreift, kann ich ihm nur Recht geben und sagen: Ja, ich bin eben schwach.

Auch bei der Musik kann man sich fragen, mit welchen Absichten sie entstanden ist, wer davon profitieren will, und welche Art von Industrie man fördert, wenn man eine Platte davon kauft. Unabhängig davon, welche Emotionen sie auslöst. Doch dazu gleich mehr.

Es gab eine Zeit, in der ich noch nichts davon geahnt habe, dass Döner und Flugreisen nicht nachhaltig sind, und dass der überwiegende Teil der Musik, die im Radio kommt, eher der Fanta entspricht als dem guten Wein. Überhaupt gab es eine Zeit, in der ich von gutem Wein nichts geahnt habe. Damals habe ich auch nicht so viele Sachen hinterfragt wie heute. Anders gesagt: Ich war naiv, oder sagen wir: deutlich naiver als heute. Und das ist weniger lange her, als es mir lieb sein kann.

Hätte ich meine heutigen Erkenntnisse auf eigene Faust gewonnen? Höchstens zum Teil. Es hilft ungemein, die richtigen Leute zu kennen. Wein habe ich (als Erwachsener) am Tisch meiner Eltern mitgetrunken. Unbewusst habe ich bei ihnen auch Zugang zu einer zwar sehr spezifischen, aber geschmackvollen Musikwelt bekommen. Aber um mich zu überzeugen, dass man an Musik ruhig einen gewissen Anspruch stellen darf, brauchte es andere Menschen, die einen breiteren Geschmack hatten. Zu nennen wären hier George Starostin und seine Webseite – diese ist zwar inzwischen alt, aber immer noch eine unermessliche Fundgrube. Und meinen alten Musiklehrer, Herrn Wolf, wollen wir auch nicht vergessen. Damals habe ich es nicht richtig begriffen, aber dafür bin ich ihm heute umso dankbarer.

Und damit zurück zur Musikindustrie. Nehmen wir einen leidlich begabten Künstler, der unter normalen Umständen keinen Plattenvertrag kriegen würde. Aber er ist auf YouTube einigermaßen erfolgreich. Dafür muss er im wesentlichen Teenager ansprechen, und die meisten Teenager haben keinen guten Geschmack, schon weil sie noch nicht so viel Zeit hatten, diesen zu erlernen; die wollen vor allem einfach jemanden, der “authentisch” ist, quasi “einen von uns”.

Jetzt kommen Produzenten und bringen ihr Wissen über die emotionale Klaviatur des durchschnittlichen Mitteleuropäers in Stellung, um möglichst viele Platten zu verkaufen. Sie verpassen dem mittelmäßigen Sänger ein gefälliges Arrangement, und fertig ist die nächste Fanta für die Ohren. Aber sie wird nicht als Fanta verkauft, sondern als Cappuccino. Dabei nutzen die Produzenten bewusst aus, dass die breite Masse vielleicht keinen Herrn Wolf, keinen George Starostin und keine Eltern mit musikalischem Hintergrund hatte. Aus der Sicht des Produzenten ist diese Masse deswegen naiv.

Selbstverständlich hat von denen keiner ein Interesse daran, dass mehr Leute in Fragen des guten Geschmacks geschult werden und einen entsprechenden Anspruch entwickeln, denn wirklich gute Musik lässt sich nicht einfach am Fließband produzieren – da braucht es eben Leute, die ein Leben lang darum ringen.

Aber Matthias, wir leben halt im Kapitalismus, und warum soll die Industrie den Konsumenten bloß bei Kinderlimonade verarschen (deswegen bekommt sie ja jährlich einen Preis für Verbrauchertäuschung)?

Ganz einfach: Es ist zynisch, den “Verbraucher” ganz bewusst für dumm zu verkaufen. Meinem Menschenbild entspricht das jedenfalls nicht. Genau so wenig wie die absurde Idee, dass es Themen gibt, die man nicht diskutieren darf, nur weil sie Emotionen betreffen. Und wenn es um mein Menschenbild geht, kann ich sehr leidenschaftlich werden, und deswegen ist mein letzter Beitrag auch so polemisch geworden. Wie jeder Konsum ist natürlich auch der Konsum von Musik politisch, und daher muss es erlaubt sein zu sagen:

Geschmack ist nicht immer Privatsache.

Matthias Büchse am 6. Januar 2016
mit Ergänzungen vom 7. und 8. Januar 2016

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