Die Mehltaurepublik oder: eure Gleichgültigkeit kotzt mich an!

Ich bin kein Politikwissenschaftler, aber auch bei mir ist folgende Erkenntnis angekommen: Wir leben in einem Zeitalter, in dem es keine Ideologien mehr gibt. Keine großen Erzählungen, die die Menschen verbinden und ihnen Sinn stiften. An die Stelle der Ideologie tritt das trügerische Versprechen der Selbstverwirklichung im Konsum.

Es gibt eine unglaubliche Vereinzelung. Entweder sind die Leute saturiert, und ihre Lebensentwürfe kreisen um das schöne Eigenheim, das tolle Auto und die nächste Reise nach Übersee. Oder sie schuften für einen Hungerlohn, sind desillusioniert und gesellschaftlich abgehängt.

Als wenn das für sich genommen nicht schon problematisch genug wäre, drohen am Horizont die bekannten Herausforderungen der ökologischen Katastrophen und der Gerechtigkeitsmigration.

Aber das einzige, was die Politik angesichts dieser Aussichten an Erzählung zu bieten hat, ist das Merkelsche Versprechen: Wählt mich, und ich mache, dass sich für euch nichts ändert. Das ist die Mehltaurepublik.

Zuletzt habe ich mich privat ein wenig auf zwei Singlebörsen im Internet umgesehen. Und was bewegt die Frauen zwischen 25 und 35 (wohlgemerkt ein Alter, in dem man eine gewisse geistige Reife voraussetzt)? Weltreisen, Sport, Bastelkram, Unbekümmertheit.

Sind diese Menschen einfach nur satt? Oder ist das so eine Art Ladenschlussmentalität – man ahnt, dass es mit der großen Party in Westeuropa vielleicht bald vorbei ist, und getreu dem Motto Après moi le déluge wird noch einmal alles rausgeholt, was der hedonistische Lebensstil zu bieten hat.

Was uns ebenfalls nicht entgangen sein sollte: das Ideologievakuum und die Unzufriedenheit der Abgehängten verhelfen zuletzt wieder unseriösen Parteien und Gruppierungen zum Aufschwung. Die bringen eine Erzählung mit, die schlichter und menschenverachtender nicht sein könnte: Schuld sind ausgerechnet diejenigen, auf deren Rücken es sich die westliche Welt jahrhundertelang hat gut gehen lassen, auf deren Kosten die oben genannte Party geht. Ach ja, und wirklich ändern muss sich bei uns folglich auch nichts.

Und alles, was ich im Radio dazu höre, ist: Die Politik dürfe nicht nur mit Argumenten operieren, sondern müsse Emotionsmanagement betreiben. Weil die Abgehängten keine Argumente verstehen.

Das ist natürlich totaler BULLSHIT!

Es braucht kein Emotionsmanagement, es braucht Angebote. Und Sigmar Gabriel ist weiß Gott kein Angebot (ich sage nur: TTIP, Vorratsdatenspeicherung, Waffenhandel). Ich würde sogar sagen: Es braucht wieder eine Ideologie.

Leider habe ich keine fertige Ideologie in petto. Aber klar ist, dass es nicht einfach wird, die Leute aus ihrer gewohnten Konsumkultur und ihrer Vereinzelung herauszuholen, die Gesellschaft wieder zu kitten, und dann die wirklich großen Veränderungen einzuleiten, die zweifelsohne notwendig sind; Stichwort: die Große Transformation.

So traurig das einem Intellektuellen erscheinen mag, aber dafür könnte es einen Charismatiker brauchen, dem die Leute in Scharen hinterherlaufen. Und mit denen hatten wir in der Geschichte leider mehr Pech als Glück.

Wie dem auch sei. Ich wollte nur mal gesagt haben: Eure Gleichgültigkeit kotzt mich an!

Matthias Büchse am 11. März 2016

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