Wort zum Sonntag

Bekanntermaßen hab ich Zeit zum Lesen. Aktuell lese ich unter anderem Failure Is Not An Option von Gene Kranz, der im Kontrollraum das Sagen hatte, als die Amerikaner zum Mond geflogen sind. (Wer das nicht glaubt, sei an dieser Stelle herzlich eingeladen, sich aus meinem Leben zu verabschieden.) Kranz wurde 1933 geboren, also genau 50 Jahre vor mir.

Mit 10 markierte er die Schlachten des Zweiten Weltkriegs auf Landkarten und träumte vom Fliegen. Als er etwa 20 war, wurden gerade alle Geschwindigkeits- und Höhenrekorde gebrochen. Als er um die 30 war, flogen die ersten Amerikaner ins All, und John F. Kennedy erklärte:

Some have asked, why go to the moon? One might as well ask, why climb the highest mountain? Why sail the widest ocean?

Ich bestaunte mit 10 den ICE und das Space Shuttle (mit dem man die Erdumlaufbahn freilich nicht verlassen konnte). Als ich etwa 20 war, vernetzte sich die ganze Welt, die Internationale Raumstation wurde gebaut, und die Türme des World Trade Centers in New York stürzten ein. Als ich um die 30 war, gab es den Large Hadron Collider und den Marsrover Curiosity.

Heute ist das Space Shuttle Geschichte. Die Kinder wachsen mit Smartphones und Tablets auf, und diese Technologie ist aus meiner Erwachsenensicht ebenso erstaunlich wie das Space Shuttle – aber ihr fehlt das Ehrgeizige, das übergeordnete Ziel, der Forscherdrang, den die Kennedyrede noch beschwor. Aber die Zeit großer Reden ist schon lange vorbei – wenn man etwas Großes sagen will, kopiert man das 50 Jahre alte Zeug von Kennedy.

Statt etwas Gemeinsames auf die Beine zu stellen, zanken sich die Europäer kleinkariert um Geld, und die Amerikaner haben Mühe, eine vernünftige Krankenversicherung zu etablieren und einen Verrückten von der Präsidentschaft fernzuhalten. An allen Ecken und Enden regieren Egoismus, Neid und kleinkariertes Denken. Brauchen wir wirklich einen Gegenspieler (wie damals die Sowjetunion), um uns nicht komplett in den Fängen des Alltags zu verlieren? Wann können wir endlich wieder über uns hinaus denken? Herausforderungen gäbe es genug.

Matthias Büchse am 29. Mai 2016

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