Statement zur Wahl in den USA

„Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ #luther2017 @GoeringEckardt

— Matthias Büchse (@drmabuese) November 9, 2016

Seit heute früh steht es fest: der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird ein antidemokratischer, autoritärer, zynischer Demagoge, der Gewalt gegen Frauen und Minderheiten provoziert – schwerlich jemand, mit dem man die Worte leader of the free world verbinden mag.

Nach der Brexit-Entscheidung der Briten ist dieses Wahlergebnis für viele von uns schon der zweite herbe Schlag ins Gesicht. Und in Frankreich, Deutschland und Österreich schicken sich Marine le Pen, die AfD und die FPÖ an, bei den Wahlen im nächsten Jahr an den Erfolg von Trump anzuknüpfen. Die Entwicklung unserer Gesellschaft befindet sich am Scheideweg, und unsere Werte wie Weltoffenheit, Toleranz, und Menschlichkeit scheinen ernsthaft in Gefahr.

Daher sage ich: Wir dürfen gerade jetzt nicht verzagen. Selten wurden wir dringender gebraucht als heute. Wir müssen ab sofort umso entschlossener für unsere Werte werben.

Das wird harte Arbeit. Denn die Erfolge von Brexit, Trump und Co. zeigen, dass unsere Werte keine Selbstläufer sind – das “Prinzip Hoffnung” wird nicht genügen. Immerhin konnte Trump gut 59 Millionen Bürger*innen auf seine Seite ziehen.

Ich möchte kurz drei ganz konkrete Ursachen skizzieren, da sie Erkenntnisse auch für uns in Deutschland zulassen:

Zu diesen konkreten Ursachen gesellt sich eine allgemeine: Die heutige Zeit – die Postmoderne – ist von Ungewissheit geprägt. Nachdem die Ideologien auf den Schlachtfeldern des 20. Jahrhunderts grandios gescheitert sind, gibt es zu Recht keine ideologischen Gewissheiten mehr, kein “richtig” oder “falsch”. Vielmehr sind globale politische und wirtschaftliche Strukturen abstrakt, undurchsichtig und komplex, und sie verändern sich ständig. Zudem treffen unterschiedliche Weltbilder durch die Globalisierung unmittelbarer aufeinander als jemals zuvor, und die kolossale globale Ungerechtigkeit wird für alle greifbar; auch dies lässt Gewissheiten aufweichen. Daneben hat sich der technologische Fortschritt so stark beschleunigt, dass grundlegende Umwälzungen – wie beispielsweise durch die Eisenbahn, die Mechanisierung oder das Internet – immer schneller auf einander folgen, heutzutage sogar innerhalb eines Menschenlebens.

Die alten sinnstiftenden Erzählungen und gesellschaftlichen Zusammenhänge lösen sich auf – man ist nicht mehr Münchner, sondern lebt in München, man ist nicht mehr Bäcker, sondern arbeitet als Bäcker, und morgen gilt vielleicht schon etwas ganz anderes. Gleichzeitig mangelt es in unserer auf reibungsloses Funktionieren ausgerichteten preußisch-neoliberal indoktrinierten Gesellschaft erheblich an individuellem Selbstwertgefühl. Die Masse an objektiven Ungewissheiten und das Auflösen der sinnstiftenden Erzählungen wird dadurch schnell als bedrohlich empfunden. Und wenn sich manche aufgrund empfundener Minderwertigkeit, Unsicherheit, unterdrückter Träume und enttäuschter Hoffnungen, oder aufgrund globaler Ungerechtigkeit schämen, ist es denkbar, dass diese Scham in Hass auf Schwächere umschlägt.

Demagogen wie Trump schüren die Ängste vor Ungewissheit und den Hass auf Schwächere, und sie versprechen durch ihre Autorität neue Gewissheiten.

Doch dieses Versprechen von Gewissheit ist falsch. Denn Veränderung ist schlicht und ergreifend die Konstante unserer postmodernen Zeit – Veränderung ist unausweichlich, und wir als Gesellschaft müssen sie mitgestalten. Mit anderen Worten: Veränderung ist nicht das Problem, sondern die Antwort. Nur mit Eigenschaften wie Anpassungsfähigkeit und dem Willen zu Veränderung kann man die Herausforderungen der postmodernen Zeit bestehen. Dafür braucht es keine falsche “äußere Gewissheit”, sondern “innere Gewissheit”, das heißt: es braucht starke, mutige, selbstbewusste Persönlichkeiten. Und es braucht eine Gesellschaft, die den Selbstwert jedes Mitglieds entschieden fördert. Eine Gesellschaft ohne fly-over states und ohne gegenseitige Verachtung von Stadt und Land. Eine Gesellschaft, in der die sinnstiftende Erzählung eine von Miteinander, Nächstenliebe und gegenseitigem Respekt in allen Lebenslagen ist.

Klar ist: Diese starken Persönlichkeiten und diese Gesellschaft sind nicht so leicht herzustellen wie ein trügerisches, autoritäres Versprechen. Genau deswegen ist unsere Aufgabe so schwer.

Aber klar ist auch: Ohne unsere Werte von Weltoffenheit, Toleranz und Menschlichkeit geht es nicht.

Deswegen dürfen wir selbstbewusst für unsere Werte eintreten. Wir müssen uns und unseren Mitmenschen klarmachen: Wir verstehen die Ungewissheit unserer Zeit, und anders als die Demagogen nehmen wir sie wirklich ernst. Wir kämpfen für die menschliche Gesellschaft. Und dafür wird es wiederum Veränderungen brauchen, große Veränderungen sogar. Die Konzepte sind vorhanden, wenn es um Bildungspolitik geht, um Umweltpolitik, Sozialpolitik etc. Was wir brauchen, ist das Vertrauen der Menschen.

Lasst uns dieses Vertrauen gewinnen. Lasst uns unserer eigenen Vorstellung von Menschlichkeit und Nächstenliebe gerecht werden. Und lasst uns vor allem aktiv werden!

Matthias Büchse am 9. November 2016
Literatur nachgereicht am 10. November 2016

Literatur, Quellen, Danksagung

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