Progressive an die Macht!

Wenn das bekloppte Abendland noch eine Chance hat, dann heißt diese nicht Pegida, sondern: progressive Politik. Grüne Politik.

Die Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg hat weiten Teilen der Bevölkerung im globalen Westen zu nie gekanntem Wohlstand verholfen. Doch die Zeichen ihres Niedergangs nehmen zu: Umwelt-, Klima- und Finanzkatastrophen, eklatante Ungerechtigkeit und steigender Migrationsdruck sind nur einige dieser Zeichen. Ein weiteres ist nicht zuletzt auch die Ausgrenzung von weniger Qualifizierten; viele sehen die Zukunftschancen für sich und ihre Kinder rapide schwinden.

Fast alle Menschen spüren: Diese globale Ordnung hat ihren Zenit überschritten.

Doch nicht alle reagieren darauf gleich. Ich unterscheide holzschnittartig drei Gruppen: das Establishment, die Reaktionären und die Progressiven.

Das Establishment profitiert noch immer vom Status quo – oder glaubt es wenigstens. Es hofft darauf, das System und den gewohnten Wohlstand mit geringen Anpassungen erhalten zu können. Am liebsten unternimmt es – nichts. Wenn diese Leute überhaupt wählen, dann CDU oder SPD.

Die Reaktionären profitieren nicht mehr vom Status quo – oder sie fürchten es wenigstens. Diese Leute bauen darauf, das System mit allen Mitteln zu verteidigen und in einen idealisierten früheren Zustand zurückversetzen zu können. Den Glauben an die Politik haben sie weitgehend verloren (und das nicht ganz unbegründet: dem Establishment sei Dank); wenn diese Leute überhaupt wählen, dann vermutlich AfD.

Die Progressiven haften dem Status quo nicht an, sie suchen darin Verbesserungspotentiale, oder sie finden ihn gar bedrückend – unabhängig davon, ob sie aktuell profitieren, was sie meistens tun. Sie möchten das System reformieren, transformieren oder gar ablösen. Diese Leute wählen die GRÜNEN oder die LINKE. (Aber lieber die Grünen!)

Die Reaktionären und das Establishment trennt ein tiefer Graben: Die Reaktionären verachten und beschimpfen das Establishment, weil es zu wenig gegen den drohenden Niedergang unternimmt. Beide Gruppen vereint allerdings, dass sie ihr Heil in der bekannten Ordnung suchen. Für diese Gruppen hat diese Ordnung lange Zeit gut funktioniert. Ja, sie mag Schwächen haben, aber aus Angst vor Veränderung hofft man, dass man sie in den Grundzügen wird erhalten können, dass man die gewohnten Besitzstände wird verteidigen können.

Doch diese Ordnung war und ist auf Sand gebaut; sie trägt tief in sich den Keim ihres eigenen Niedergangs. Denn ungezügelte Ausbeutung von Mensch und Natur führt eines Tages zwangsweise in die Katastrophe. Schon heute leben wir so, als hätten wir 1,6 Planeten, und die Ausbeutung geht weiter. Wenn wir nicht grundlegend etwas ändern, werden wir bald keine Besitzstände mehr haben, die wir verteidigen könnten.

Die Progressiven haben die Aussichtslosigkeit des Systems seit Jahrzehnten verinnerlicht, und sie arbeiten an dessen Umgestaltung. Es versteht sich von selbst, dass dies eine Herkulesaufgabe ist. Naturgemäß erreicht man in einigen Teilgebieten schneller und sichtbarer Erfolge als in anderen. Für die Reaktionären und das Establishment sieht es dann so aus, als würden die Progressiven sich im wesentlichen um scheinbar(!) randständige Fragen kümmern, wie das Artensterben oder die Gleichberechtigung. Reaktionäre Propaganda stellt die Progressiven dann gern als Bevormunder hin. Und sie attestiert ihnen eine gewisse (nicht immer zu leugnende) Tendenz zu moralischer Überheblichkeit (welche die Reaktionären aber locker in Ignoranz aufwiegen).

Die Progressiven werden in der Gesellschaft vermutlich keine absolute Mehrheit bekommen. Sie sind zu einer Gratwanderung gezwungen: Sie müssen sich – wo möglich – mit dem Establishment verbünden, um Gestaltungsmacht zu erhalten, dabei aber die wahren Ziele und vor allem die progressive Identität nicht aufgeben. So eine Allianz mit dem Establishment kann aktuell sehr unterschiedlich aussehen: rot-grün-rot, schwarz-rot-grün oder schwarz-grün.

Je weiter der Niedergang des Systems voranschreitet, desto stärker werden die Reaktionären, und desto mehr wird das Establishment auf solche Koalitionen mit Progressiven angewiesen sein. So gesehen besteht vielleicht eine kleine Chance, dass die Weltordnung friedlich reformiert werden kann, statt durch eine Megakatastrophe umgestürzt zu werden.

Nur eins ist wohl leider klar: Die Reaktionären werden sich nicht bekehren lassen. Und wenn das Establishment umkippt und sich auf die Reaktionären zubewegt, dann gnade uns Gott.

Matthias Büchse am 26. November 2016

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