Aufklärung durch Pandemie

Ich weiß nicht, wann es das letzte Mal möglich war, dass eine demokratiefeindliche Meute mit rechtsnationalen Symbolen die Treppen des Reichstagsgebäudes stürmen konnte, ohne von einer linken Gegendemo auch nur ansatzweise behindert zu werden. Ein solch schamloser Angriff auf das zentrale Symbol unserer Demokratie wäre ein ziemlich einmaliger Vorgang, und ich hätte Mühe, nicht an den Reichstagsbrand von 1933 zu denken. Nur ist gestern — am 29. August 2020 — genau dieser Angriff passiert, und zwar im Windschatten der Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung. Sowohl Veranstalter:innen als auch Mitläufer:innen besagter Demo sind damit schwer belastet, und was noch schlimmer ist: Ich kann nicht erkennen, dass diese sich der Problematik des Vorgangs, geschweige denn ihrer Verantwortung(slosigkeit) bewusst sind.

Ich komme aus einem behüteten Umfeld – gewiss nicht ohne Fehler, aber im Großen und Ganzen behütet –, und ich ertappe mich in solchen Momenten dabei, dass ich tief enttäuscht bin, da ich offenbar in meinem Inneren an das Gute in der Welt glauben möchte. Der amerikanische Psychologe Albert Ellis sah den Glaubenssatz The world must be easy als pathologisch an, als eine Form von musturbation, die dem Fluch der Dummheit entspricht. Ähnliches gilt sicher auch für den Satz die Welt muss gut sein. Der Kulturtheoretiker Bazon Brock sagt, Aufklärung sei immer eine Ent-täuschung – in dem Sinne, dass mit einer Täuschung aufgeräumt werde. Die andauernde Corona-Pandemie scheint also zur Aufklärung beizutragen, jedenfalls bei mir.

Leider ist Aufklärung durch Pandemie kein Automatismus; vielmehr würde ich die Pandemie als eine Art Prüfung verstehen. Während bei mir auch das Immunsystem geprüft wurde, scheint es bei anderen (auch in meinem erweiterten Familienumfeld) vorrangig der Verstand zu sein, der geprüft wird. Ich hatte im März drei Tage Fieber, sie haben anhaltendes Querdenken – jedenfalls so quer es die einschlägigen Influencer eben vorbeten; honi soit qui mal y pense.

Spätestens in der Retrospektive stelle ich fest, dass das Weltbild dieser Querdenker:innen in vielen Aspekten eher auf Glauben und Fühlen denn auf Wissen und Verstand beruht: Sie können nicht zwischen ionisierender und nicht-ionisierender Strahlung oder zwischen Watt und Joule unterscheiden, aber sie haben natürlich alle möglichen Ängste, sei es vor Handystrahlung oder schlicht Kontrollverlust. Vom Impfen will ich gar nicht reden. Diese Leute haben zuvor jahrelang keine Nachrichten verfolgt, konnten bei politischen Gesprächen im Detail nicht mitreden, und Demos kannten sie auch eher vom Hörensagen; ihr ganzes politisches Weltbild ist krude – oder wie man heute sagt: unterkomplex.

Und bei dieser ganzen Unbedarftheit verwundert es dann auch nicht, dass die je nach Perspektive und Lebensumständen durchaus nachvollziehbare Kritik an den Corona-Maßnahmen verbunden wird mit der Forderung, die Merkel-Regierung solle abdanken. Durch diese lächerliche Forderung (wie auch durch das geschmacklose Abbilden von Merkel, Drosten und Co. in Sträflingskleidung) entlarven sich die Leute doppelt: Erstens ihre Unfähigkeit oder den Unwillen, unsere Demokratie zu verstehen, denn durch die Wortwahl abdanken und die Sträflingskleidung insinuieren sie, die Regierung sei gar nicht demokratisch legitimiert und handle verbrecherisch. Und zweitens ihre Diskursunfähigkeit; denn natürlich darf und soll in der Demokratie eine gesellschaftliche Aushandlung über den zu beschreitenden Weg stattfinden, aber mit einer Rücktrittsforderung verlässt man den Diskurs, den man anzustrengen vorgibt.

Das ist alles ent-täuschend traurig. Und daher bleibt mir trotz aller überschäumender Ironie, die die Querdenken-Bewegung unentwegt produziert, das Lachen im Halse stecken. Immerhin ein Detail ist tatsächlich erfreulich: Durch den Prozess um die Genehmigung der Demonstration haben die Querdenker eindrucksvoll unterstrichen, wie gut unsere Demokratie funktioniert. Und noch gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass unsere Demokratie mit diesem Haufen fertig wird.

Was mich aber wütend macht, und warum ich diesen Text schreiben musste, ist die organisierte Verantwortungslosigkeit, die Scheinheiligkeit – die ständigen Beteuerungen, dass man ja nur den Frieden wolle. Wie glaubwürdig das ist, haben wir an der russischen Botschaft und der Treppe zum Reichstag gesehen.

Matthias Büchse am 30. August 2020

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