Wir können uns nicht ändern – amor fati!

Matthias Büchse am 16. Januar 2026

Es gibt allerlei schlaue Leute – aus der Philosophie, der Soziologie, der Umweltbewegung, der Permakultur etc. –, die vernünftig begründet darlegen können, wie fatal einige unserer gängigen Glaubenssätze sind: unser Glaube an ungebremstes Wachstum, an den allgemeinen Fortschritt, an die Einzigartigkeit der menschlichen Spezies. Ich stimme zu: diese Glaubenssätze sind fatal und führen in den Abgrund. Ich argumentiere hier: diese Glaubenssätze sind ebenso sehr zwangsläufig. Mit ihnen zu brechen erfordert einen Freiraum, den nur Eliten und versprengte Aussteiger erhalten, und ist daher tendenziell unredlich. Wir müssen uns in unser Schicksal fügen und lernen, es zu lieben.

Von vorn: Wir leben in einer Kultur der Dominanz, d.h., einer Kultur der Unterwerfung. Mit Kultur meine ich nicht „Kunst und Kultur“, sondern die allgemeine Lebensweise.

Wir sind die Nachfahren derjenigen, die beschlossen haben, Menschen sollten ganz allgemein entscheiden, welche Arten wo und zu welchem Zweck existieren dürfen. Manche nennen das ganz banal Landwirtschaft; man kann es aber auch den Sündenfall nennen: Die Menschen haben (vermeintlich) vom „Baum der Erkenntnis“ gegessen und maßen sich daher die besagten Entscheidungen an (mit teils verheerenden Konsequenzen).

Diejenigen, die sich derlei Entscheidungen nicht anmaßen wollten, die an ihrer Kultur des Jagens und Sammelns festhalten wollten, wurden an den Rand gedrängt, denn eine gediegene Landwirtschaft verspricht eine höhere Bevölkerungsdichte und somit mehr Macht.

Wir sind auch die Nachfahren derjenigen, die beschlossen haben, dass nichtmenschliche Lebewesen, Flüsse, Berge etc. keine Seele besitzen, dass Menschen mehr wert seien als andere Arten. Demnach sei es in Ordnung, einen Ochsen vor einen Pflug zu spannen, auch wenn dazu erhebliche Grausamkeit gegen den Ochsen vonnöten ist. Oder es sei in Ordnung, ganze Berge aufzureißen, um Erze, Kohle oder sonstige Bodenschätze zu fördern. Wie gesagt: der Ochse und der Berg haben ja keine Seele.

Diejenigen, die sich dieser Sichtweise nicht anschließen wollten, mussten ihren Pflug weiterhin selbst ziehen (wenn sie denn einen hatten), und sie konnten weniger aufwendige Waffen und Gerätschaften entwickeln. Sie waren weniger produktiv und weniger mächtig, und sie hatten das Nachsehen.

Andere Glaubenssätze unserer Kultur – was die Fortschrittserzählung angeht, den Drang zum Wachstum, usw. – sind auf genau dieselbe Weise zwangsläufig: Wir leben in einer Kultur der Dominanz, und deswegen haben wir auch die dazu passenden Glaubenssätze.

Wenn es uns gelänge, unsere Kultur der Dominanz auf breiter Front abzustreifen, so riskierten wir, unsererseits Opfer einer neu aufkeimenden Dominanz-Kultur zu werden, sofern wir keinen Weg finden, dies effektiv zu verhindern. Dann wären wir diejenigen, die verdrängt werden – unsere fatalen Glaubenssätze würden weiterleben, nur eben nicht in uns.

Global könnten wir die Kultur der Dominanz sowieso kaum abstreifen. Es ist schlicht höchst zweifelhaft, dass die aktuell lebenden 8 Milliarden Menschen in einer auf Harmonie bedachten Kultur versorgt werden könnten. (Wenn dem so wäre, wären diese Kulturen doch nicht alle verdrängt worden.) Für diese große Bevölkerung brauchen wir nunmal die Landwirtschaft, wir brauchen die Erze, wir brauchen die Materialien aus dem Erdöl, wir brauchen letztlich auch Diesel – mindestens auf absehbare Zeit.

Mittlerweile ist die Kultur der Dominanz nahezu total und weltumspannend. Es gibt nur wenige Refugien für andere Lebensweisen, und diese sind ständig bedroht: auch Indigene am Amazonas oder in der Arktis werden für den inhärenten Ressourcenhunger der Dominanzkultur immer weiter verdrängt. Auch innerhalb des direkten Geltungsbereichts unserer Kultur mag es hier und da Refugien geben – einzelne Ökodörfer oder sonstige Projekte. Sie werden jedoch lediglich geduldet, weil sie unbedeutend sind oder weil ihre Mitglieder zur Elite der Kultur gehören.

Niemand muss die gängigen Glaubenssätze mögen. Wer jedoch glaubt, andere als die gängigen Glaubenssätze ausleben zu können, lebt entweder sehr prekär oder sehr privilegiert, und wahrscheinlich auch in einer Illusion. Es ist daher mindestens ignorant, wenn nicht heuchlerisch, andere Glaubensätze als einen Ausweg aus unserer Kultur zu verkaufen. Doch was bleibt denjenigen übrig, die mit den Glaubenssätzen fremdeln? Nietzsche sprach von „amor fati“, zu deutsch „Liebe zum Schicksal“. Das ist unsere Aufgabe: das Schicksal zu lieben und das Beste daraus zu machen.

Moralisieren hingegen hilft niemandem. Auch Wahl- oder Konsumentscheidungen sollten nicht zu hoch gehängt werden. Keine Partei könnte mit den fatalen Glaubenssätzen brechen; im Moment will dies folglich auch keine. Und was du nicht kaufst, wird entweder billiger, bis es doch jemand kauft (ggf. auf einem anderen Kontinent), oder es verschwindet tatsächlich vom Markt, der jedoch genügend Alternativen bereit hält. Das ist nunmal die Kultur der Dominanz, aus der wir nicht rauskommen.

Und weiter? Die eingangs erwähnten schlauen Leute haben ja Recht: die Glaubenssätze sind fatal, oder vielmehr: die Kultur der Dominanz wird eines Tages zugrunde gehen müssen, weil sie ihre eigenen Existenzgrundlagen zerstört. Dieser Prozess wird sich sehr wahrscheinlich über Jahre und Jahrzehnte hinziehen, und sehr wahrscheinlich wird er für viele Millionen Menschen erhebliches Leid bringen. Gleichzeitig werden Räume frei für andere Lebensweisen und Glaubenssätze, die frei ausprobiert werden können – bis sich wieder eine Form durchsetzt.